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Donnerstag, 16. Juni 2011 um 22:59


Hohmeyeraus Stader Tageblatt vom 17. Juni 2011, von Christian Schmidt, Foto: Christian Schmidt

Ohne Atom und Kohle in die Zukunft
Professor Olav Hohmeyer in Hollern-Twielenfleth

Der geplante Ausstieg aus der Atomenergie und die völlige Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Quellen wie Off-Shore-Windkraftwerke ist in den nächsten 20 Jahren möglich, ohne dass noch geplante Kohle- oder Gaskraftwerke gebaut werden müssen. Das hat am Mittwochabend der Flensburger Professor Olav Hohmeyer in Hollern-Twielenfleth erklärt.

Nun ist Hohmeyer, eingeladen von Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Bürgerinitiative Stade-Altes Land und der Klimaschutzorganisation Oxfam, nicht irgendwer: Als Mitglied des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) berät er die Regierung Merkel als Fachmann für Energiewirtschaft. Schon 2010 hatte der SRU in einem Thesenpapier formuliert: "Eine sachliche Analyse zeigt (...), dass eine Stromversorgung ohne Kohle und Kernenergie auf der Basis regenerativer Energiequellen möglich ist. Die (...) Neubauplanungen für Kohlekraftwerke", so heißt es dort weiter, "stehen im krassen Gegensatz zu einem klimaverträglichen Energieversorgungssystem." Zwar hat die Bundesregierung nach den Ereignissen von Fukushima bei der Atomenergie eingelenkt und sich auf eine maximale Restlaufzeit der nuklearen Reaktoren bis 2022 festgelegt. Doch gegen den aus Sicht der Klimaschützer gefährlichen Neubau von Kohlemeilern hat Merkel nichts einzuwenden.
Dabei, so SRU-Fachmann Hohmeyer, ist es überhaupt nicht erforderlich, über die bereits begonnenen Neubauten fossil befeuerter Kraftwerke hinaus, neue Vorhaben zu realisieren. Das gelte somit auch für die zwei avisierten Stader Kohlekraftwerke bei der Dow in Bützfleth und der Eon in Bassenfleth.

Weg von nuklearen und fossilen Brennstoffen, hin zu regenerativer Energie: "Diesen Kurs können wir sofort einschlagen", betonte Hohmeyer am Mittwochabend im Hollerner Hof. Je nach Laufzeit der bereits in Betrieb oder Bau befindlichen Kohle- und Gaskraftwerke geht Hohmeyer von einer hundertprozentigen Energieversorgung durch erneuerbare Energien im Jahr 2030 bis 2050 aus, also etwa innerhalb der nächsten 20 bis 40 Jahre.
Einen vorübergehenden Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen nach Abschalten der Atomkraftwerke und bis zur vollständigen Versorgung mit erneuerbaren Energiequellen hatte der Sachverständigenrat eingeräumt.

Als wichtige Schritte beim Übergang in ein neues Energiezeitalter nannte Hohmeyer den Ausbau der Stromübertragungsnetze und der Energiespeicherung. "Höchstspannungsleitungen müssen nicht über Köpfe hinweg geführt werden", meinte Hohmeyer angesichts der vielerorts herrschenden Kritik an den Ausbauplanungen für Überlandleitungen auch in besiedelten Bereichen.

Zwar sei eine flächendeckende Erdverkabelung nicht notwendig. Dennoch sei sie streckenweise sinnvoll, wenn es nicht gelänge, oberirdische Leitungen um bewohnte Bereiche umzuleiten. Eine Erdverkabelung sei aber möglicherweise aus militärischen Gründen angeraten, da Höchstspannungsleitungen zu den "Hauptschlagadern" unserer Zivilisation zählten. Für die kostspieligere unterirdische Verkabelung sollten deshalb vielleicht Mittel aus dem Verteidigungshaushalt eingesetzt werden.

Als Speicher für den nicht konstant zu produzierenden Naturstrom aus Wind und Sonne bieten sich aus Sicht des Energie-Ökonomen Hohmeyer mehrstufige Wasserkraft-Stauwerke in Norwegen an. Sie könnten als Puffer für saisonale Über- oder Unterproduktionen von Strom in Deutschland dienen. Entsprechende Angebote bereite das norwegische Energie-Unternehmen Statkraft vor.